Krankheitsbilder

Mit einer Neurose behaftet zu sein, ein Neurotiker genannt zu werden, das bringt gemeinhin niemandem einen besonders guten Ruf ein. Zu ungenau trennt im Allgemeinverständnis der unbefangene Bürger zwischen Neurose und Psychose. Für ihn ist all das mit dem Makel des psychisch Kranken, des im Alltag nicht „Funktionierenkönnens“ belastet. Auf der anderen Seite jedoch ist auch zu beobachten, daß eine gewisse Anerkennung nicht versagt wird, ja daß es als chic gelten kann, wenn man durchblicken läßt, einen Psychotherapeuten an der Hand zu haben, mit ihm seine Probleme durchsprechen zu können. So bleibt in der Öffentlichkeit der Begriff einer Neurose schillernd. Das, was einem dazu einfällt, reicht von „ein bißchen Lebenshilfe nötig zu haben bis hin zu tiefgreifender seelischer Krankheit“.

Da mag eine massive Zwangsneurose noch rascher für die Umgebung erkennbar werden. Jemand mit einem ausgeprägten Waschzwang mag durch sein ständiges Händewaschen schon bald befremdlich wirken. Strenge Rituale, die er sich einzuhalten gezwungen sieht, gleichviel, ob sie in die jeweilige Situation passen oder nicht, lassen den anderen schon aufmerken. Aber damit sind eben bereits Extrembeispiele neurotischer Krankheitsbilder benannt, die mit Angst und Zwang einhergehen.

Die vielen mäßigeren Formen, die Persönlichkeitsstörungen, die sogenannten Charakterneurosen, die depressiven Neurosen, hysterischen Neurosen beschränken sich von außen her gesehen auf vielleicht erkennbare akzentuierte Persönlichkeitszüge, auf mehr oder weniger ausgeprägte Belastbarkeit im Alltag. Und doch ist hier überall tiefgreifendes Leiden im Spiel. Leiden, das sich dann Auswege sucht in Schlafstörungen, in Mißbrauch von Medikamenten oder Rauschmitteln. Leiden, das nicht nur ein ureigenes Leben kennzeichnet und belastet, sondern oft genug auch das der ganzen Familie. Übrigens sind viele Suizide das Ergebnis einer neurotischen Entwicklung, in der jemand vergeblich versuchte, sein Leiden am Leben und an sich selbst hinreichend zu bewältigen.

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