Positionspapier des LVPEs


Gesundheitspolitische Interessenvertretung in Rheinland-Pfalz
Der 1996 gegründete Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz (LVPE RLP e.V.) ist eine politisch und fachlich anerkannte Interessenvertretung der psychiatrieerfahrenen Menschen in Rheinland-Pfalz.. Ein Ziel ist es, die unterschiedlichen Selbsthilfegruppen im Land, die u.a. einen gesundheitspolitischen Anspruch haben, unter einem Dach zu integrieren, sowie ideell und organisatorisch zu unterstützen.

 

Teilnehmer in Gremien und Arbeitsgruppen
Der LVPE RLP hat Stimme und Sitz in den wichtigsten (fachpolitischen) Gremien und Arbeitsgruppen auf Landesebene und bemüht sich um Aufnahme in weitere Gremien.

 

Kooperativer Förderer des  „Trialogs“
Der LVPE RLP e.V. strebt trotz psychiatriekritischer Grundhaltung den „Trialog“ mit den zwei weiteren beteiligten Interessengruppen – Psychiatrie-Fachkräfte, Angehörige psychisch erkrankter Menschen – an. Auch mit deren Verbänden in Rheinland-Pfalz steht der LVPE RLP e.V. im dauerhaften Austausch. Der LVPE RLP e.V. ist der Auffassung, dass die ganz überwiegende Zahl der Psychiatriefachkräfte ernsthaft bemüht ist, zur Gesundung psychisch erkrankter Menschen beizutragen und vor allem das Wohl der Patienten im Auge hat. Einem kleinen Teil der Fachleute kann aber nach unseren Erfahrungen auch unterstellt
werden, dass u.a. ihre Verflechtungen mit der Pharmaindustrie ihre Entscheidungsfindungen negativ beeinflussen.

Der LVPE RLP e.V. will im Gespräch und in der Zusammenarbeit mit den anderen Interessengruppen des bestehenden psychiatrischen Hilfesystems konstruktiv zu einer positiven Weiterentwicklung und Verbesserung desselben beitragen, ohne dabei seine psychiatriekritische Grundhaltung aufzugeben.

 

Gemeindepsychiatrie, „ambulant vor stationär“ und „Personenzentrierter Ansatz“
Der LVPE RLP e.V. setzt sich für den Ausbau der wohnortnahen Psychiatrie ein und fühlt sich dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ verpflichtet. Die weitere Realisierung des „Personenzentrierten Ansatzes“, d.h. im Wesentlichen, dass sich die psychiatrischen Hilfen passgenau an den psychiatrieerfahrenen Menschen auszurichten haben und nicht umgekehrt, ist ein zusätzliches Ziel des LVPE RLP e.V:

 

Selbsthilfe und Empowerment
Auf der politischen sowie persönlichen Ebene fühlt sich der LVPE RLP
e.V. dem Prinzip der Selbsthilfe und dem Empowermentkonzept verbunden:
Selbsthilfe
Die Ausgangsidee der Selbsthilfe ist, dass der Zusammenschluss und die gegenseitige Unterstützung von Menschen, die an dem gleichen oder ähnlichen Krankheitsbild leiden bzw. litten, stark motivierend wirken und Selbstheilungskräfte frei setzen. Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Die Unterstützung von ausgebildeten (Psychiatrie-)Fachkräften wird gerne entgegengenommen, jedoch liegt der Schwerpunkt darauf, die oft daraus resultierenden Abhängigkeiten zu reduzieren und ein möglichst selbst bestimmtes und möglichst selbstständiges Leben weitgehend aus eigener Kraft und mit Hilfe von "natürlichen" menschlichen Beziehungen zu erreichen. Nichtpsychiatrische Hilfemöglichkeiten haben Vorrang.
Empowerment
Ziel des Empowermentkonzepts ist es, sich aus Krankheit, Lähmung und Behinderung durch "aktives Sich-Einmischen" zu befreien. Durch das Übernehmen von gesellschaftlicher und persönlicher Verantwortung soll das Leben verstehbarer, handhabbarer, sinnerfüllter, freier und befriedigender erlebt werden. Das Gefühl, das Leben im Rahmen der jeweiligen persönlichen Möglichkeiten (wieder) in die eigene Hand zu nehmen und kritisch die (gesundheitspolitische) Entwicklung mitzugestalten, wirkt heilend und stabilisierend. Empowerment ist eine Bewegung, die "von unten" kommt und wird i.d.R. von gesellschaftskritischem Denken begleitetet.

 

Krankheitsmodell
Der LVPE RLP e.V. setzt sich mit allen gängigen Krankheitsmodellen auseinander und bewertet sie u.a. hinsichtlich der dort möglichen, persönlichen Entwicklungsmotivationen. So wird eine einseitig chemisch-biologistische Auffassung als resignationsfördernd und lähmend eingeschätzt, während in psychosozialen und psychotherapeutischen Betrachtungsweisen Ermutigungen zur Gestaltung des eigenen Schicksals gesehen werden. Daher bevorzugt der LVPE RLP e.V. psychosoziale und psychotherapeutische Modelle, ohne sie jedoch Andersdenkenden aufzuzwingen und ohne sich Ergebnissen aus der chemisch-biologischen Forschung aus ideologischen Gründen zu verschließen. Der LVPE RLP e.V. vertritt als zusätzliche Position, dass die Aussage und/oder die Prognose an einer unheilbaren Krankheit zu leiden in ihrer Ausschließlichkeit nicht haltbar, kontraproduktiv und darum zu unterlassen sind.

 

Ressourcenorientierung und Nachrangigkeit von Diagnosen
Der LVPE RLP e.V. unterstützt die ressourcenorientierte Denkweise,
d.h. der psychisch leidende Mensch wird überwiegend von seinen immer auch vorhandenen Fähigkeiten, Kompetenzen und gesunden Anteilen her verstanden und nicht über seine Defizite, Einschränkungen und Krankheitssymptome definiert. Psychiatrische Diagnosen werden als bürokratische Hilfsmittel gesehen und sind nachrangig, was den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen und das Verständnis für sie anbelangt.

 

Psychopharmaka
Psychopharmaka können hilfreiche Unterstützung in der Reduzierung oder in der – auch langfristigen – Verhinderung von psychischem Leiden bieten. Darüber hinaus wird manchmal ein psychotherapeutischer Zugang erst mit Hilfe von Psychopharmaka möglich. Psychopharmaka haben aber häufig noch erhebliche Nebenwirkungen, die eventuell zu Gesundheits- oder Befindlichkeitsstörungen führen können. Deswegen ist im Einzelfall in Absprache mit dem behandelten Arzt zu erwägen, die Medikamentendosis zu reduzieren oder sie ganz abzusetzen. Grundsätzlich sollte jedoch nichtmedikamentösen Behandlungsformen und Strategien Vorrang eingeräumt werden. Sie sollten immer unterstützend die Behandlung begleiten. Der LVPE RLP e.V: setzt sich dafür ein, dass die Informationspflicht über Risiken und Nebenwirkungen von Psychopharmaka erfüllt wird. Eine Wertehierarchie zwischen psychisch erkrankten Menschen, die Psychopharmaka einnehmen, und denen, die es nicht tun, wirkt sich schädlich auf das Prinzip der gegenseitigen Unterstützung und Toleranz aus. Ihr ist entgegenzuwirken.

 

Gewalt und Zwang in der Psychiatrie
Die Verhinderung von Zwang und Gewalt gegenüber psychisch erkrankten Menschen – physisch, wie auch (subtil) psychisch – ist schon lange ein Schwerpunktthema der Arbeit des LVPE RLP e.V. Jede Art von Zwangsbehandlung, wie zum Beispiel Fixierungen und Zwangsmedikation, stellt einen schwerwiegenden Eingriff in die verfassungsmäßigen Rechte des Betroffenen dar (Art. 2 GG). Zwangsbehandlung wird deshalb von den Gerichten nur in ganz wenigen Ausnahmefällen toleriert. Der LVPE RLP e.V. unterstützt strukturelle und individuelle Ansätze, die dazu beitragen, Zwang und Gewalt gegenüber psychisch erkrankten Menschen zu vermeiden.

 

Externe Qualitätskontrolle
Der LVPE RLP e.V. versteht sich als eine auf der „Patientensicht“ basierende, externe, unabhängige Qualitätskontrolle des bestehenden psychiatrischen Versorgungssystems. Er setzt sich für eine hilfreichere Psychiatrie ein und hat das Ziel durch sein Mitwirken die Qualität der psychiatrischen Hilfen auf allen Ebenen zu verbessern.

 

Pychiatrie-Erfahrene als Experten in eigener Sache
Psychiatrieerfahrene Menschen sind Experten in eigener Sache und müssen mit ihrem Erfahrungswissen fester, selbstverständlicher und lehrender Bestandteil in der Aus- und Fortbildung von Psychiatrie-Fachkräften sein. Dies ist adäquat zu honorieren. Der LVPE RLP e.V. unterstützt Strategien, die zur Selbstkompetenz des erkrankten Menschen führen und seine Selbstbestimmung erhalten. Entscheidungen zwischen Patient und Behandler sollten so weit als möglich gemeinsam getroffen werden.

 

Tabuisierung, Stigmatisierung und negative Vorurteile
Der LVPE RLP e.V. wirkt mit seinen Aktivitäten der Tabuisierung von psychiatrischen Themen und Fragestellungen entgegen. Psychiatrieerfahrene Menschen leiden immer noch unter sehr großer Stigmatisierung, negativen Vorurteilen und meist auch gesellschaftlicher Isolation. Durch zielgerichtete Öffentlichkeitsarbeit setzt sich der LVPE RLP e.V. für eine verbesserte Akzeptanz von psychischen Erkrankungen und für einen selbstverständlichen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen ein. Der oft einseitigen und populistischen Berichterstattung in den Medien ist entgegenzuwirken.

 

Förderung von nutzerkontrollierten psychosozialen Einrichtungen
Der LVPE RLP e.V. bekennt sich zu der Notwendigkeit von alternativen Behandlungsansätzen. Hierbei setzt er sich besonders für den Aufbau von nutzerkontrollierten und nutzergeführten psychosozialen Einrichtungen ein. Der LVPE RLP e.V. vertritt die These, dass die Kombination von Psychiatrie-Erfahrungswissen – auch von ehemaligen Patienten der Psychiatrie – mit der Kompetenz von Psychiatrie-Fachkräften eine verbesserte Unterstützung von psychiatrieerfahrenen Menschen mit sich bringen kann.

 

Finanzierungsmodelle für Selbsthilfearbeit
Der LVPE RLP e.V. setzt sich dafür ein, dass Finanzierungsmodelle geschaffen werden, die es ermöglichen dass der Zeitaufwand von Aktivisten der Selbsthilfe in begründeten Fällen möglichst einfach handhabbar finanziell vergütet werden kann.

 

Unser Positionspapier basiert im Wesentlichen auf den Ausführungen des Positionspapiers, welches die Mitgliederversammlung des Landersverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg (LV PE BW) am Samstag, den 19.05.2006 verabschiedet hat.

Der Vorstand des LVPE RLP e.V. hat in seiner Sitzung vom 25.11.2006 beschlossen, sich dem Positionspapier des LV PE BW anzuschließen, bzw. selbiges bis auf geringfügige Änderungen zu übernehmen.
Hierzu wurde der LVPE Rheinland-Pfalz e.V. von der Vorsitzenden des LV PE BW, Frau Zingler (per e-mail am 17.08.2006 bemächtigt)